Die Brüder Lech, Čech und Rus

Legenden und Erzählungen über die Entstehung von Ländern gibt es viele. Sie werden oft nur mündlich erzählt und verändern sich im Laufe der Zeit. In Polen wurde Ende des 13. Jahrhunderts eine Chronik der polnischen Geschichte verfasst, die darüber berichtet wie die Polen, Böhmen und das Reich der Rus entstanden sind. Die Version aus Tschechien weicht etwas ab, doch der Kern bleibt derselbe.

Die bekannteste ist die polnische Version der Großpolnischen Chronik von 1295, doch auch die Tschechien haben ihre Version in der Dalimil-Chronik und den Erzählungen von Alois Jirásek, wenn auch später, geprägt.

Zu Beginn der Geschichte, laut Chronik im 7. Jahrhundert, leben die drei Brüder Lech, Čech und Rus als Oberhäupter ihrer slawischen Stämme, wahrscheinlich im Gebiet zwischen Weichsel und Dnjepr.  Die Stämme wurden immer größer und das angestammte Land reichte nicht mehr aus, um alle Menschen zu ernähren. Also beschlossen die Brüder sich auf die Suche nach einer neuen Heimat zu machen.

Nach einem gemeinsamen Start trennte sich Rus von seinen Brüdern, um mit seinem Stamm in Richtung Osten zu ziehen, wo später das Reich der Kiewer Rus entstand. Lech und Čech zogen mit ihren Stämmen weiter in Richtung Westen und trennten sich etwa dort, wo heute die polnische Stadt Krakau liegt. Lech wandte sich nach Norden, Čech nach Süden.

Laut der Chronik gelangte Čech zum Berg Říp, dt. Georgsberg. Er betrachtete das Land ringsherum, erblickte fruchtbare Weiten und Wälder und entschied sich zu bleiben. Der Berg Říp gilt den Tschechen bis heute als heiliger Berg.

Der dritte Bruder Lech kam mit seinem Stamm in die Gegend um das heutige Gniezno, dt. Gnesen. Die Menschen waren erschöpft von der wochenlangen Wanderung und Lech beriet sich mit seinen Beratern, um darüber abzustimmen zu bleiben oder weiterzuziehen. Sie entschieden sich fürs Bleiben und begannen mit dem Bau einer Burg. Die Siedlung erhielt den Namen Gniezno (poln. gniazdo -dt. Nest), denn während der Arbeiten an der Burg erschien ein weißer Adler, was von den Menschen als gutes Omen empfunden wurde. Noch heute ist der Adler das Wappentier der Polen und der Stadt Gniezno.

Die Version der Tschechen aus der Dalimil-Chronik von 1314 erwähnt nur die Brüder Lech und Čech, die aus den Osten Europas einwanderten. Hier wird die enge Bindung der beiden Brüder sehr hervorgehoben, was sich geschichtlich in engen Verbindungen der Polen und Tschechien zeigt.

Die Geschichts- und Sprachwissenschaft kann die enge Verwandtschaft der slawischen Völker bestätigen, auch wenn es zahlreiche andere Einflüsse zu individuellen Entwicklungen beigetragen haben. Besonders die Namen der drei Brüder als Namensgeber werden von der Forschung nur bedingt als bewiesen anerkannt.

Der historische Kern der Legend dürfte wahr sein, denn viele Stämme und Völker waren in dieser Zeit auf Wanderschaft, nicht nur die Slawen. 

Historisch kann die Existenz des dritten Bruders Rus angezweifelt werden, denn die Rus stammen laut neuster Forschung aus dem Norden Skandinaviens. Vielleicht könnte man die frühe Trennung von Rus in der Chronik als Hinweis sehen, dass seine Existenz dazu gedichtet wurde. Denn auch Chroniken sind nicht fehlerfrei bzw. ihre Verfasser nicht neutral und selten selber dabei gewesen. 

Trotzdem ist die Legende eine identitätsstiftende und über Generationen überlieferte Geschichte, die vielen Slawen wahrhaftig erscheint. Ein gemeinsamer Ursprung prägt das Gemeinschaftsgefühl über viele Jahrhunderte bis heute.

Quellen

Małkowska, Katarzyna. Lech, Czech i Rus. Astra, Krakau 2004

„Kronika wielkopolska”, UNIVERSITAS Poznań 2010

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